ECSTASY

Zehn wildfremde Menschen bleiben in einem Fahrstuhl stecken.
Was danach passiert, htte sich fnf Minuten vorher keiner
vorstellen knnen. Ein Auszug aus dem Buch "Quiver"
von Bestsellerautorin Tobsha Learner


Der Lift erzitterte, dann fiel er abrupt einige Meter abwrts.
Einen Moment hielten alle gleichzeitig die Luft an, um
sie dann synchron wieder auszustoen. "Wir hngen
fest. Der Lift hngt fest."


"Machen Sie sich nicht lcherlich." Deidres
Stimme klang angespannt. Dee drckte den Rufknopf, doch
es kam keine Antwort. Katherine versuchte, die Situation
durch Humor aufzulockern. "Und? Wie lange werden
wir warten mssen, bis es offiziell ist?"


"Verzeihung." Humphrey schob sich an ihr vorbei,
wobei ihre weichen Brste ihn streiften und ihm einen Schauder
ber den Rcken bis zu seinen Lenden jagten. "Blo
jetzt keine Erektion, bitte", beschwor er sich stumm.
Sein Schwanz kmmerte sich jedoch nicht um die Stimme der
Vernunft, sondern drckte gegen seine Hose. "Wenn
ich an das Paneel in der Decke komme, kann ich den Aufzug
vielleicht wieder aktivieren. Ich hab vor vielen Jahren
mal als Elektrikerlehrling angefangen", sagte
Humphrey verlegen. Dee erbot sich, ihn zu sttzen, und
whrend sich die anderen an die Wnde des Aufzugs drckten,
ging Dee in die Hocke, und Humphrey kletterte auf seinen
Rcken, um die Luke in der Decke zu ffnen. In derart exponierter
Stellung war Humphreys Erektion deutlich sichtbar, was
bei den Frauen einigen Anklang fand - insbesondere bei
Katherine, die etwas fr groe Glieder brig hatte. Humphrey
schraubte das Paneel mit Hilfe eines Schlsselrings los,
schob es zur Seite und starrte auf ein Gewirr farbiger Kabel.
Die Verbindungen schienen keinem logischen Prinzip zu
folgen. Er hatte eben geblufft; die pulsierende Lust,
die er fr den eleganten Rotschopf empfand, hatte ihn grenwahnsinnig
gemacht. Er wrde sie alle retten, hatte er sich ausgemalt,
und zum Dank wrde sie sich auf die Knie sinken lassen, ihren
Kopf in seinem Scho vergraben und vor Erleichterung schluchzen.
Er sphte hinab: Ihr Mund befand sich in der Tat verfhrerisch
nah an seinem Schritt. Sein Schwanz schwoll noch mehr an,
was die Zuschauerinnen mit einem Seufzen beantworteten.
Dee, der auf allen vieren kniete und zu Boden starrte, fragte
sich, was da vor sich gehen mochte, whrend Quin eine deutliche
Vernderung im Luftdruck wahrnahm. Humphrey zog ein wenig
fester an den Kabeln, und pltzlich war es stockdunkel.

Die Schreie erstarben. Stacey fing an, die Dramatik der
Situation zu genieen. Gelassen whlte sie in ihrer groen
Umhngetasche nach der Weihnachtskerze, die sie vorhin
gekauft hatte, und zndete sie mit dem Feuerzeug an, das
Jock ihr als Glcksbringer geschenkt hatte. Die kleine
Flamme beleuchtete die Gesichter der Aufzuginsassen.


"Das sollte eine Weile ausreichen", verkndete
Stacey und hielt die Kerze hoch. Gro wie sie war, und mit
der Kerze in der Hand, wirkte sie auf die anderen wie ein
Engel, der ber sie wachen wrde. "Hallo? Hallo?"
Eine dnne Stimme mit indischem Akzent drang aus der Sprechanlage
an der Wand.


"Hier spricht ein Vertreter des Verwaltungsbros.
Wir mchten Ihnen mitteilen, dass wir alles unter Kontrolle
haben. Unsere Techniker arbeiten daran, und innerhalb
der nchsten halben Stunde wird die Stromversorgung wiederhergestellt
sein. Bitte, bleiben Sie ruhig und geraten Sie nicht in
Panik. Wir werden Ihnen nun entspannende Musik einspielen,
um es Ihnen leichter zu machen."


Das Gerusch von Brandungswellen, durchzogen mit Aufnahmen
von Walgesngen, durchflutete den Lift. Jodie lie Quins
Ellenbogen los und glitt, mit einer lngeren Wartezeit
rechnend, resigniert zu Boden. Nun standen sie eng nebeneinander
und starrten in die Dunkelheit. Lang-sam nahm ein Plan
in Dees Kopf Gestalt an. Er tastete seine Tasche ab - die
Ecstasy-Pillen waren noch immer da.


"Wie wre es, einen Schluck zu trinken? Wenn wir hier
noch mindestens zwanzig Minuten ausharren mssen, knnen
wir es uns auch gut gehen lassen, oder?" Seine Stimme
klang warm und einladend. "Ich habe Champagner bei
mir. Franzsischen natrlich."
"Klingt gut." Sandra brauchte einen Drink;
der von der Kerze beleuchtete Aufzug, die Flamme, die sich
hundertfach in den polierten Chromwnden spiegelte,
das Flten und Pfeifen der Wale - all das erinnerte sie immer
mehr an die Fledermaushhlen. Auch die anderen fanden,
Champagner zu trinken, sei eine ausgesprochen gute Idee.
Sogar Deidre gab sich schlielich der aufgekratzten Atmosphre
hin und gestand sich ein, dass sie Karl anziehend fand;
sie hatte schon immer was fr europische Typen brig.
Karl begann ein Duett aus der "Zauberflte"
zu summen, das wunderbar anmutig klang. Quin, der die schwachen
Vibrationen auffing, klopfte dazu den Rhythmus an die
Wand.


"Stacey. Ich bin Marketingchefin bei J.P. Motherwell's."
"Humphrey. Ich bin Knstler."
"Sandra. Architektin. Verheiratet. Zumindest
war ich das, bevor ich im sechzehnten Stock zugestiegen
bin." Gelchter.
"Katherine."
"Meine Frau. Karl. Dirigent."
"Er ist zu bescheiden. Weltberhmter Dirigent."
Dee ffnete die Champagnerflaschen. Dann fischte er lautlos
die Tabletten aus der Tasche und lie jeweils zwei in eine
Flasche Champagner gleiten.
"Jodie. Ich arbeite in einem Schnheitssalon und
bekomme im April mein erstes Kind."
"Deidre. Eine Freundin von Stacey und Brsenmaklerin
ihres Mannes."
"Jerome. Ich verkaufe Eis an kleine Kinder und hungrige
Mtter. Und unser Champagner-Wohltter?"
Dee drehte sich um und lchelte. Die Ecstasy-Tabletten
in den Flaschen waren jetzt alle aufgelst. "Ich?
Landschaftsgrtner und ewiger Auenseiter." Er
nahm einen Schluck Champagner und reichte die Flaschen
an Sandra weiter, die zehn kleine Plastikbecher hervorgezaubert
hatte.
Jodie sprach fr Quin. "Und dies ist... Ich wei es
nicht, weil er taub ist, aber er ist total lieb!"
Katherine wandte sich um und bersetzte, an Quin gewandt,
die Frage in Zeichensprache. Stockend nannte er seinen
Namen. Jodie sprach ihn laut nach, und alle erwiderten
unwillkrlich das herzliche Lcheln des ungelenk wirkenden
Mannes, der ihnen heftig zunickte. Humphrey hob seinen
Becher. "Wir sollten einen Toast aussprechen. Auf
beengte Rumlichkeiten." Dann tranken alle hastig,
denn die Hitze hatte sie durstig gemacht.


Zwanzig Minuten spter hat sich der Aufzug noch immer nicht
bewegt. Katherine fhlt sich entspannt, sehr entspannt.
Sie lehnt an der Wand und berlegt, ob sie sich ausziehen
soll. Die Luft ist zwar warm, aber nicht abgestanden, und
ein leichter Luftzug weht durch die offene Luke ber ihren
Kpfen in die Kabine. Alle kommen ihr ungewhnlich freundlich
vor. Katherine erklrt sich das damit, dass sie alle auf
engem Raum zusammengepfercht sind. Denn sie hat einmal
irgendwo gelesen, dass solche Erlebnisse einen stark
bindenden Effekt haben knnen. Stand in jenem Artikel
nicht auch etwas ber eine aphrodisische Wirkung? Sie
wendet sich an Sandra, um sie zu fragen, verstummt jedoch,
als sie entdeckt, dass Quin Sandras Beine massiert; seine

Hnde reiben geschickt ein l auf ihre Waden.


"Das ist Massagel, das ich fr Brian gekauft habe.
Ich dachte, man knnte es ja schon mal probieren."
Sandra kichert, und Katherine erwidert das Lachen. Irgendwie
kommt es ihr ganz normal vor, dass Sandra sich von einem
Fremden die Beine mit dem Weihnachtsgeschenk fr ihren
Mann einlen lsst. Katherine streift sich die Seidenbluse
ber den Kopf und setzt sich. Karl bemerkt es kaum. Er ist
vollauf damit beschftigt, Deidre zu erklren, wie viel
Sinnlichkeit Mozarts Werken innewohnt. Eine seiner Standardverfhrungsnummern,
wie Katherine wei, und normalerweise wrde sie sich darber
rgern. Nun jedoch freut sie sich einfach fr ihn. Und die
Vorstellung, wie Deidre mit dem aufgelstem Haar kurz
vor dem Orgasmus steht, hat fr Katherine durchaus etwas
Erotisches. Allerdings findet sie im Moment auch die Chromwnde
des Aufzugs erotisch.


Humphrey sitzt ihr gegenber in einer Ecke. Seine Augen
kann sie zwar kaum erkennen, aber sie sprt, dass sie auf
sie gerichtet sind, als seien seine Blicke tastende Finger.
Es gefllt ihr, dass er sie so offensichtlich attraktiv
findet. Sie lsst ihre Hand zu ihrem Spitzen-BH sinken
und entblt eine Sekunde lang eine Brustspitze. Niemand
sieht hin, abgesehen von ihm, doch er regt sich nicht. Sie
will ihn unbedingt, will, dass er sie anfasst und ihr den
Schwanz zeigt, dessen Umrisse sie vorhin so deutlich hat
sehen knnen.


In der metallenen Wandflche hinter Humphrey spiegeln
sich Jerome und Dee. Sie sind in ein so lebhaftes Gesprch
ber die Chicago Bulls vertieft, als wollten sie sich ihrer
Mnnlichkeit versichern. Dees Hand liegt auf Jeromes
Schenkel und wandert langsam weiter, whrend er sich detailliert
ber die Sportverletzungen von Michael Jordan auslsst.
Dee blickt sich im Lift um. Im flackernden Kerzenlicht
macht er Karl aus, der Deidres Brste massiert, und Quin,
der Sandra mit der Hand befriedigt, whrend sie leidenschaftlich
von Jodie geksst wird. Humphrey hat seinen Kopf unter
Katherines Rock geschoben, die breitbeinig an der Wand
steht, whrend Stacey erregt und mit glhenden Wangen
Jocks Kamera richtig einzustellen sucht.


Den Mechanikern, die etwa zehn Meter oberhalb des Aufzugs
arbeiten, fllt auf, dass es pltzlich still ist, whrend
vorher Gesprchsfetzen und Lachen durch den Schacht zu
ihnen heraufgedrungen sind.
"Die Party muss vorbei sein", murmelt der eine.
"Oder sie sind erstickt", konstatiert sein
Kumpel.
Beide sind nicht gerade davon erbaut, Heiligabend einen
Notruf erhalten zu haben.


Unten im Aufzug erlischt die Kerze, und das gedmpfte rote
Licht der Notbeleuchtung verwandelt die Szene in eine
bacchantische Orgie, whrend die silbrig glnzenden
Wnde das Bild von gespreizten Gliedern, wehenden Haaren
und verrutschten Kleidungsstcken tausendfach reflektieren.
Deidre ist schon vor geraumer Weile zu dem Schluss gekommen,
dass es sich um einen Traum handeln muss. Sie hat das Gefhl,
sich in einer anderen Zeitzone zu bewegen, und dadurch
wird fr sie ihr eigentlich unfassbares Tun etwas akzeptabler.
Im Moment hockt sie auf allen vieren auf dem Boden wie die
Wlfin, die Romulus und Remus nhrte. Karl liegt unter
ihr und saugt an ihren Brsten. Am seltsamsten ist, dass
nichts, was hier vorgeht, ihr irgendwie dekadent vorkommt;
alles scheint ihr ganz normal und natrlich zu sein. In
ihrem Kopf existiert nur noch die Wahrnehmung eines unwahrscheinlichen
Kitzelns, das von ihrer Brustwarze ausgeht und direkt
zu ihrer Klitoris strmt. Karl seufzt und fhrt ihr mit
der Zunge ber den Bauch. Ihr voller Krper und ihr Duft
erregen ihn enorm. Er glaubt, jeden Moment kommen zu knnen,
obwohl sich niemand um seinen harten, steifen Schwanz
kmmert. Er legt den Kopf zurck und verdreht die Augen,
bis er Katherine sehen kann. Der Kopf des Knstlers befindet
sich noch immer unter ihrem Rock.


Humphrey taucht mit glhendem Gesicht unter dem Stoff
auf, erhebt sich und presst sich gegen die stehende Katherine,
wobei er mit seinen groen Hnden ihre Brste umfasst.
Karl ertappt sich bei dem Wunsch, zu sehen, wie Katherine
durch die Berhrungen dieses Mannes zum Orgasmus kommt.
Er hat das Gefhl, als sei der Krper des fremden Mannes
eine Verlngerung seines eigenen.


Sandra liegt derweil in der Mitte des Aufzugs und fhlt
sich wie in einer anderen Welt, umgeben von Hhlungen und
Schwellungen. Quin kniet ber ihr, fhrt mit seinem Schwanz
an der Innenseite ihrer Schenkel entlang und dringt dann
in sie ein. Ihre Beine, die ber ihren Schultern in die Luft
ragen, werden von Jodie gehalten, deren Mse sich ber
Sandras Gesicht befindet. Fasziniert spreizt Sandra
die Schamlippen der jngeren Frau, betrachtet die blonden
Schamhaare und das Fleisch, das sich dunkler frbt, als
Sandra ihren Finger daran entlang gleiten lsst und schlielich
die Nsse einhaucht. Jodies Schenkel beben vor Lust, als
Sandra ihr einen Finger ihrer anderen Hand in den Anus steckt.
Sie zieht Jodies Geschlecht zu ihrem Mund und stellt erstaunt
fest, dass ihre eigene Erregung sich steigert, als sie
es berhrt, so als wrde es sich um ihren Kitzler handeln,
der liebkost wird. Quin, der beobachtet, wie Sandras Mund
das Geschlecht der jngeren Frau leckt und lutscht, merkt,
dass auch er kurz vor dem Hhepunkt steht.


Jerome greift Dees Haar und drckt ihn fest auf seinen Schwanz.
Dies ist etwas anderes - Dee macht es grob, aber auf eine
Art und Weise, wie es Jerome mag. Vor ihm kniet Jodie ber
dem Gesicht einer anderen Frau und biegt vor Lust den Rcken
durch. Sie denkt an nichts als an ihre geschwollene Mse
und den Mund, der sie liebkost. Impulsiv beugt sich Jerome
zu ihrem gerteten Gesicht herunter und stt seine Zunge
tief in ihren Mund. Sie hebt die Arme, flstert "Bitte,
bitte" und legt die Hnde auf ihre Brste. Ohne seine
Lippen von ihren zu lsen, zieht er Dees Kopf von seinem
Schwanz weg. Er dreht ihn um. Hart packt er Dees Pobacken
und stt in sein Arschloch. Zunge und Schwanz sind nun
von enger Hitze umschlossen.


Stacey hat einige Mhe, die Kamera richtig zu bedienen.
Nicht so sehr wegen mangelnden technischen Verstndnisses,
sondern eher infolge der wachsenden Erregung, die sie
beim Anblick der ineinander verschlungenen Arme, Beine
und Genitalien versprt. Aus dieser kurzen Distanz fllen
sie den Sucher mit einer pornographischen Montage aus,
die Stacey immer mehr anmacht - sie ist geil. Sie versucht,
die Kamera mit einer Hand ruhig zu halten, whrend sie die
andere in ihren Slip gleiten lasst, um sich zu berhren.


Die Masse aus Krpern wiegt sich und wabert, sie atmet immer
heftiger; jeder nimmt das Keuchen und das Sthnen der Personen
neben sich wahr, jeder wird durch die Lust der anderen angestachelt.
Dee ist derjenige, der als erster mit einem Aufschrei den
Hhepunkt erreicht. Die Vibrationen seines Schreis durchdringen
Quin, dessen tiefe Grunzlaute sich zu einem schrillen
Crescendo steigern, als er, heftig zuckend, in Sandra
kommt. Und wie die Karten eines Kartenhauses, das zusammenstrzt,
kollabieren sie alle gleichzeitig in einem gewaltigen
Orgasmus, dessen Schreie wie das kollektive Kreischen
eines Schwarms brnstiger Fledermuse klingen.


Auf dem Hhepunkt der Kakophonie erzittert der Lift und
strzt dann im freien Fall abwrts. Lust wird zu Entsetzen:
Arme umschlingen einander, leise Gebete werden gemurmelt,
und laute Schreie bekunden unbndigen Lebenswillen.
Pltzlich kommt der Lift mit einem heftigen Ruck zum Stehen.
Wie zum Hohn gleiten die Tren fast lautlos auf, und die
Masse aus Leibern offenbart sich einer Gruppe ngstlich
wartender Lebensgefhrten.

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