Mit den Augen einer Frau
Berliner Zeitung; Dienstag, 14. Dezember 2004; Rubrik
: Vermischtes; Seite 8
berschrift : Der Teddy mit der Peitsche
Unterberschrift : Sex ist nicht peinlich, nur privat:
In Grobritannien gedeiht das Vibratorenverkaufswesen
bestens
Sabine Rennefanz
LONDON, 13. Dezember. Man kennt die vielen Wehwehchen,
an denen Frauen leiden, ohne dass ihnen etwas Ernstes fehlt
: Angstzustnde, Unterleibsspannungen, impulsives
Shopping. Fr die rzte im 19. Jahrhundert gab es dafr
nur eine Diagnose : Hysterie. Dem britischen Arzt Joseph
Mortimer Granville ist es zu verdanken, dass das Leiden
nicht ohne Behandlungsmittel blieb. 1883 meldete er das
Patent fr ein elektromechanisches Massage-Gert an
- den ersten Vibrator.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass das Gert in Grobritannien
erfunden wurde, dem Land, wo nach einer jngsten Umfrage
sechs von zehn Mnnern lieber zum Fuball gehen wrden
als mit ihrer Angetrauten ins Bett.
Unterberschrift 2 : Gut gegen Langeweile
Bis in die spten dreiiger Jahre konnte man Vibratoren
aus Nh- und Haushaltzeitschriften diskret bestellen.
In einer Anzeige des Drogerie-Hndlers Boots fr den
Pifco-Vibro-Massager heisst es : Ermdung, Langeweile
und extra Pfunde werdem durch stimulierende Massage zrtlich
weggestreichelt. Erst als die Gerte in amerikanischen
Porno-Filmen auftauchten, wurde es schwieriger, sie
als unschuldige medizinische Hilfsmittel zu verkaufen.
Sie verschwanden aus den Drogerie-Regalen und wanderten
in Shops in jenen Ecken der Grossstdte, die von Mnnern
mit viel Bargeld in den Taschen frequentiert wurden. Frauen
wurden in Sex-Shops weniger gesichtet.
Das sollte sich erst ndern, als die britische Firma Ann
Summers vor fnf Jahren online ging.
Binnen eines Jahres wurden eine Million Vibratoren verkauft.
Der Erfolg blieb nicht auf das Internet begrenzt. Sexshops
wie Ann Summers haben in den letzten Jahren die britischen
Einkaufsstraen erobert und reihen sich unschuldig neben
Textilketten oder Buchhandlungen.
In der High Street Birminghams hat krzlich das amerikanische
Porno-Imperium Hustler ein 560 Quadratmeter groes
Erotik-Kaufhaus erffnet.
Weitere Filialen in London und Cardiff sollen folgen.
Und allein zwischen den Londoner Einkaufsvierteln Covent
Garden und Oxford Street findet man vier Ann-Summers-Geschfte.
Landesweit betreibt die Firma inzwischen 117 Lden und
machte im vergangenen Jahr umgerechnet rund 165 Millionen
Euro Umsatz.
Die Schaufenster von Ann Summers in der Oxford Street verraten
wenig von dem, was man drinnen findet.
Nach Vorschrift der Stadtverwaltung darf nur geschmackvolle
Unterwsche ausgelegt werden, damit unschuldigere Geister
nicht allzu geschockt sind. Auch im ersten Geschoss geht
es brav zu. Dessous in den einschlgigen Farben Rot und
Schwarz, daneben fein gestapelt Bleistifte in Penisform,
Tiger-Slips, auf denen Grrr steht und se Kuschel-Teddys
mit Peitschen.
Im Keller-Geschoss steht ein Paar um die fnfzig vor einer
Reihe Vibratoren
- Pink ist sehr beliebt -
und diskutiert, welches Modell der Tochter gefallen knnte.
Sie begutachten ein Teil namens Rampant Rabbit , bersetzt
: wucherndes Kaninchen, 48 Euro. Rampant Rabbit ist
ziemlich lang und hat an den Seiten Teile, die wie Kaninchenohren
aussehen.
Ein Bestseller
sagt die junge Verkuferin.
Pro Woche verkaufen wir 500 Stck.
Sie sagt, dass die meisten ihrer Kundinnen gut verdienende
Frauen zwischen 25 und 45 sind.
Ein paar bringen ihre Mnner mit, um beim Aussuchen zu
helfen.
Das Elternpaar ist ein wenig unsicher, ob das wuchernde
Kaninchen sich wirklich gut unterm Tannenbaum machen
wrde, und sieht sich weiter um. Ein Grossteil des Untergeschosses
wird von Peitschen, Leder-BHs und Handschellen eingenommen.
Man kann einen Prgelbaukasten kaufen, inklusive roter
Minipeitsche und khlender Bodylotion. Dazu drhnt Phil
Collins You Can't Hurry Love aus den Lautsprechern.
Man denkt an das alte Klischee, dass Englnder, seit jungen
Jahren an Zchtigung im Privatinternat gewhnt, etwas
Schmerz empfinden mssen, um glcklich zu sein.
Dass es auch stilvoller als bei Ann Summers geht, beweisen
Edel-Shops wie Agent Provocateur und Myla, die feinste
Dessous und diskrete Hilfsmittelchen verkaufen.
Unsere Lden sind Oasen der Zurckhaltung und des guten
Geschmacks ,
behauptet die Myla-Kreativ-Direktorin Charlotte Semler.
Sex ist nicht peinlich - nur privat.
Ihre Kunden seien Leute, die Haltbarkeit und Qualitt
schtzten. Fr einen Myla-Vibrator zahlt man mindestens
199 Pfund, dafr sieht er so schick aus, dass man ihn stets
griffbereit neben die teure Design-Kaffeemaschine packen
kann.
Das wrde Sasha Rakoff, Sprecherin der Frauenrechtsorganisation
Object, wahrscheinlich niemals tun.
Sie ist eine der wenigen, die Ann Summers und Co. kritisiert.
Sie sagt, dass die zunehmende Prsenz der Sex-Shops in
den Einkaufsstraen die Botschaft verstrke, dass es
der Job von Frauen sei, sexuell attraktiv zu sein. Und dass
Lden wie Ann Summers eher die Fantasien von Mnnern widerspiegeln.
Es scheint, als seien Strapse und Vibratoren die einzige
Form, mit der Frauen ihre sexuellen Bedrfnisse ausdrcken
knnten ,
klagt Rakoff. Doch fr viele Britinnen ist das nach Jahren
vornehmer Zurckhaltung offenbar schon ein Fortschritt.
Inzwischen will selbst die Drogeriekette Boots wieder
Vibratoren verkaufen.
Boots untersucht vorerst lediglich einen wirtschaftlichen
Trend ,
sagt der Chef der Herstellerfirma SSL, Garry Watts, mit
der Boots knftig kooperieren will.
Die Leute werden viel offener. Produkte, die zu einem
glcklichen Liebesleben verhelfen, sind viel selbstverstndlicher
geworden.
Und erst wenn Boots den ersten Vibrator neben Gesichtscreme
und Aspirin verkauft, drften Frauen wahrscheinlich
ganz unverschmt zu dem Massagegert greifen
- ganz so wie in alten Zeiten.
Meine Meinung :
Sehr gut gemacht Sabine.
Htte ich als Mann diese Zeilen entworfen, wren sicher
einige Frauen ber mich hergefallen. So nach der Art bles
Machogesabbel.
Ich will hier einmal einen Seitenhieb loslassen. Erotik
ist nicht Technik, nach dem Motto viel und akrobatisch,
sondern seine Sichtweise im Verlauf der Erfahrung darzustellen.
Und wenn diese Welle schon bis England gekommen ist, dann
sind wir auch bald infiziert.
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